Ein modernes Stadtprojekt zwischen Aufbruch und Abbruch
Essay von Ulrich Ufer. 2005.
Im Pariser Stadtteil „Beaugrenelle“ stoße ich auf eines der großen, jedoch weniger bekannten Zeugnisse Pariser Raumplanung des vergangenen Jahrhunderts. Obwohl das Stadtbild der französischen Metropole durch moderne Architektur unterschiedlicher Bauphasen geprägt ist – La Defense oder Montparnasse kommen hier sofort in den Sinn -, bannt Beaugrenelle oder Front de Seine, wie es auch genannt wird, doch auf ganz besondere Weise den Betrachter. Besonders aus der Ferne besehen, von Trocadero oder von den vorstädtischen Hügeln im Süden, fallen sein innerer Zusammenhang und seine Abgrenzung zur Stadt sofort markant in den Blick. Am südlichen Seine-Ufer, westlich des Eiffelturms gelegen, sticht diese künstliche Stadt in der Stadt mit ihren Wolkenkratzern aus der Rive Gauche heraus. Als habe sich der urban-amerikanische Traum nur partiell gegen die Vision des 19. Jahrhunderts durchsetzen können vermag die architektonische Verve des 20. Jahrhunderts nur hier die geduckte Hausmansche Breite der umgebenden Stadtmasse zu überragen.
In der Tat spielte das transatlantische Wetteifern eine große Rolle in der Entstehung von Beaugrenelle: Ministerpräsident George Pompidou wollte in einem seiner ambitionierten Stadtplanungsprojekte ein französisches Manhattan schaffen, und so entstand in Blickweite des kleinen Originals der New Yorker Freiheitsstatue auf der Brücke Pont de Grenelle eines der ambitioniertesten und größten Investitionsprojekte der Pariser Stadtplanung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Dreißig Jahre später eignet sich Beaugrenelle beispielhaft, um einige Aspekte moderner großstädtischer Phänomene zu interpretieren: Ich werde im Folgenden auf die Abgrenzungsversuche städtischer Eliten eingehen und deren architektonische Ausdrucksform betrachten. Weiter werde ich diese Abgrenzung als ein zivilisatorisches Projekt der um die Unterdrückung der Triebwelt bemühten Moderne begreifen, dessen Erfolg in enger Verbindung zur kontinuierlichen Bereitstellung von Kapitalströmen steht.
Beaugrenelle ruft in mir beim Eintritt auf das Gelände vor allem den Eindruck einer aus dem Ruder gelaufenen Moderne hervor. Es wird zunächst der Abgrenzungsversuch städtischer Eliten sichtbar, der sich in einer Architektur präsentiert wie sie auch in Ridley Scotts Film „Bladerunner“ inszeniert wurde: In einer überbevölkerten Megapolis – im Umkreis eines zehnminütigen Spaziergangs leben hier in Beaugrenelle 100 000 Menschen – kann soziale Differenzierung nicht mehr in der Horizontalen realisiert werden und muss somit zwangsläufig in der Vertikalen zum Ausdruck kommen. Von allen Seiten führen Treppen auf das angehobene Areal Beaugrenelle und mit jedem Schritt lasse ich das Paris der Straße unter mir. So betrete ich die verkehrsfreie, große Plattform von rund einem halben Quadratkilometer Fläche, welche die unter ihr liegende Straßenführung überspannt und die Hochhäuser miteinander verbindet. In der Oberfläche des Plateaus öffnen sich ab und an Blickschächte auf diese Unterwelt, gleich Fenstern auf ein entferntes, fast verdrängtes Stadtbild. Die Metapher vom „unter den Teppich kehren“ kommt mir in den Sinn, als ich über das Plateau gehe, unter dem die gängigen großstädtischen Unannehmlichkeiten verschwinden; der Bewohner von Beaugrenelle hat sich in dieser Konstruktion aus Hochhäusern und Plattformen ganz konkret von der unter ihm liegenden städtischen Welt mit ihrer Enge, schlechten Luft von Verkehrslärm und allgemeiner „Um-Triebigkeit“ distanziert.
Weitere Aspekte der Entwicklung einer städtischen Elitenwelt, die hier Wirklichkeit werden sollte, werden in einer Ausstellung des Informationszentrums vermittelt: Auf visionären Schautafeln sind stromlinienförmige Schnellboote und Hubschrauber zu sehen, die das Viertel und seine Bewohner mit der übrigen Stadt verbinden. Diese Bilder verdeutlichen zugleich den anvisierten technologischen Fortschritt und die soziale Abgrenzung derer, die an diesem Fortschritt teilhaben. Diese architektonische Manifestation der Klassenunterschiede erinnert an jene Anekdote, die einst von Walter Benjamin in seinem Passagenwerk mit so feinem Gespür erwähnt wurde. Er beschrieb die Chambre de Bonne, das Dienstmädchenzimmer unterm Dach der noblen Hausmannschen Häuser, als eine Stilblüte der Klassenteilung, da hier die Untergebene räumlich über ihrem Herrn platziert wurde. Als Konsequenz des elektrifizierten Zeitalters mit seinen elektrischen Dienern und Helfern gehört dieses Phänomen in Beaugrenelle jedoch der Vergangenheit an. In Ansätzen sehe ich hier das bladerunnersche Szenario fortgeführt, in dem Wohnen in der Höhe nicht mehr mit Mühsal, sondern mit Komfort durch Abstand verbunden ist. Hoch über die übrigen Dächer der Stadt hinaus erheben sich die vielfarbigen und stets in ihrer Fassadengestaltung variierenden Hochhäuser und lassen in den Lüften die Unannehmlichkeiten des Pariser Straßenlebens und des chaotischen Verkehrs hinter sich.
Grenzt sich der Stadtteil durch sein Plateau bereits baulich von der Umgebung ab, so wird das Thema der Abgrenzung auch in der Namensgebung der Hochhaustürme fortgeführt. Programmatisch trägt eines der Hochhäuser den Namen „Tour Evasion 2000“. Das französische Wörterbuch gibt für ‚Evasion’ unter anderem folgende zwei Bedeutungen: 1) (Beginn 20. Jh.) Fig. einem Zwang, einer Eintönigkeit oder den Mühen des Alltags entfliehen; und 2) Abzug von Kapitalien: Kapitalflucht ins Ausland zu Spekulationszwecken. Beide Motive sind für das Verständnis der Entwicklung dieses Stadtviertels von Bedeutung: das Motiv der Distanzgewinnung und Abgrenzung von etwas Ungeliebtem, das dasjenige beschreibt, wonach Beaugrenelle strebte; und die wegstrebende Bewegung der Geldmittel, da sie den tatsächlichen Zustand bezeichnet. Das Motiv der konstruierten Abgrenzung tritt namentlich noch in einem weiteren Gebäude hervor: „Totem“, so die Benennung eines anderen Turmes, ist die Bezeichnung für ein rituelles indianisches Artefakt, das Tabufunktion und dadurch Schutz vor Bösem und Unerwünschtem ausübt; der Name kontrastiert auffallend mit der Modernität des Gesamtprojekts. Auf die Evasion des Kapitals in Beaugrenelle werde ich später noch näher eingehen, doch lässt sich schon jetzt festhalten, dass der nachhaltige Erfolg solcher Stadtprojekte von kontinuierlich von außen zufließenden Geldern abhängig ist; versiegen diese, ist ein Niedergang kaum durch andere Mittel abwendbar.
Die Skyline Beaugrenelles steht für ein anderes Paris als jenes, welches Walter Benjamin oder Charles Baudelaire im beginnenden 20. und ausgehenden 19. Jahrhundert in Prosa und Lyrik beschrieben. Heute findet sich dieses alte Paris noch in den Vierteln, deren große Bevölkerungszahl mangels Wohnraum auf die Straßen drängt; besonders in den Einwanderergegenden Rue du Faubourg de St Denis, Goutte d’Or oder Belleville. Dort keimt in der Vielfalt des Warenangebots von Passagen und Straßenmärkten eine umtriebige Konsumwelt, komponiert aus Geräuschen, Farben, fremden Gesichtern und Gerüchen. Um Händler, Marktschreier, Prostituierte und Arbeitslose herum schwillt dort jeden Morgen der Fluss der Volksmassen und ergießt sich in die Gassen.
Im Gegensatz dazu fällt in Beaugrenelle die Unbelebtheit und abgegrenzte Sterilität des öffentlichen Raums zwischen den Häusern auf. Der sich in die Luft stapelnde Privatraum der Hochhäuser vermindert die Potenz des öffentlichen Lebens in den Straßen trotz großer Bevölkerungsdichte, während gleichzeitig die Erhöhung des Plateaus sensuelle Eindrücke wie Geräusche oder Gerüche der Umgebung abschirmt. Die beiden hervorstechenden Kennzeichen von Kultiviertheit und Kontrolle sind in Beaugrenelle die Kachel und der Wachmann. Erstere ist eines der wenigen gestalterischen Merkmale, das sich verbindend von der „Unterwelt“ unter dem Plateau zur „Oberwelt“ zieht. Auffallend ist die bis zur Decke reichende Bekachelung des überbauten Straßenbereiches, deren klinisch steriles Weiß die Absicht unterstreicht, dass nichts Unerwünschtes seinen Weg nach oben finden soll. Auf dem Plateau, das ganz offiziell „La Dalle“ – Die Kachel - heißt, beherrscht die Kachel ebenso uneingeschränkt die Fläche. Hier jedoch zeigt sie sich farbig auf Böden und an Wänden und lädt mit ihren Mustern und Motiven mein Auge ein zu verweilen, zu schweifen und in die Höhe zu wandern bis zu den Punkten, an denen sie sich schließlich den Fassaden der Hochhäuser ergibt.
Wo die Kachel durch ihre kühle Glätte und ihren feinen keramischen Glanz die Bewohner von Beaugrenelle noch nicht ausreichend zur Reinheit und zur Zügelung anhält, wird dieser Part von einem Wachmann übernommen. Es gibt ihrer viele, die sich nicht nur der Sicherheit hinter der Kachel in den Eingangshallen der privaten Wohnkomplexe annehmen, sondern auch der Überwachung des Lebens auf der Kachel im Außenbereich. So darf beispielsweise die Grundlautstärke von der Raumlautstärke bei Geldstrafe nur um maximal zwei Dezibel übertreten werden. Kinder sollen in den dafür vorgesehen Freizeitarealen auf Basketball- und Tennisplätzen spielen. Ballspiele außerhalb werden - nicht nur durch Verbotsschilder – schnell unterbunden. Die Raumplanung wirkt allemal forciert, wo sie durch abstrakte Gesetze verwaltet wird und ihre Umsetzung des Wachmanns bedarf.
Auch die Orte sozialer Kontaktaufnahme sind vorgegeben. Ich finde das Café, ferner das Einkaufszentrum, Raseninseln und eingekachelte Sitzgruppen, deren Atmosphäre oftmals durch nachträglich aufgestellte Grünpflanzen etwas natürlicher gestaltet wurde. Den östlichen Teil Beaugrenelles erreiche ich über zwei hölzerne Brücken, unter denen ein kleiner Park sich zwar auf dem Niveau der Straßen dahinschlängelt, von diesen aber hermetisch durch Mauern abgegrenzt ist. Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft der zum Gelände gehörenden Kirche, findet der Beaugreneller eine nahezu meditative Ruhe unter dem dünnen Schatten des Entlüftungsturmes, der mit seinem geringen Umfang als höchstes Gebäude nadelartig in den Himmel sticht.
Gleich einer stadtplanerischen Id-Sublimation sollte das Ambiente von Beaugrenelle also durch die gezielte Unterdrückung von Verunreinigung und unkontrolliertem menschlichen Handeln geprägt sein, doch zeigen sich dem heutigen Besucher deutliche Zeichen des Verfalls von Ordnung, Maß und Zivilisiertheit. Kontrastierend zu Anspruch und sichtbarer Realität offenbart sich ein fundamentaler Konflikt des modernen städtischen Organismus: der nämlich, dass nur der stetige Geldfluss das moderne Projekt der Ordnung und Zivilisiertheit aufs immer Neue reproduzieren kann. Die Instandhaltungs- und laufenden Unterhaltskosten der aufwändigen und unpraktikablen Gestaltung dieses megalomanen Stadtkunstwerks sind offensichtlich weder von seinen Bewohnern noch von der Stadtverwaltung aufzubringen. Im Innern der Gebäude stehen seit Jahren viele Fahrstühle still, die mangels finanzieller Mittel nicht repariert werden können. Und auch außen blättert einstiger Glanz: Ganze Fassadenstücke sind im Jahr 2000 bei einem Sturm aus den Wänden des Flatotel-Turmes herausgebrochen und bis heute nicht ersetzt worden. Im Gegensatz zu der gekachelten Keuschheit zeigt sich darunter beinahe obszön ein Geflecht aus Glaswolle, Kabeln und Rohren. Der Verkauf an einen privaten Investor soll nun die seit Jahren anstehenden Renovierungen ermöglichen. Die Bloßstellung des Gebäudeinneren, die am Centre Pompidou im ersten Pariser Arrondissement in moderner künstlerisch-architektonischer Absicht entstand, ist über die Jahre im zweiten Denkmalprojekt der Premierminister-Ära Pompidou ganz unfreiwillig und mit gegenteiliger Aussage eingetreten.
Langsam aber unweigerlich kriecht aus den Untergründen der Pariser Straße das Marode nach oben. Die verwitterten und zerschlissenen Sonnendächer eines heute geschlossenen Chinesischen Restaurants in einem kleinen Innenhof präsentieren sich sinnbildlich. Auch die verbindende Einkaufspassage zwischen Plateau und Straßenwelt hat der Polyp „Verfall“, der sich stets in den Schlepptauen des abdriftenden Kapitals verfängt, bereits in seinem Griff: in der Passage selber sind nur wenige Geschäftsräume noch in Benutzung; wieder und wieder sind aus Reklametafeln und Firmennamen einzelne Lettern herausgebrochen.
Zumindest das Café vermag noch etwas von Aufbruchstimmung und Gründercharme zu vermitteln, die hier einmal geherrscht haben müssen. Als ich durch schräge Fenster hindurch das Panorama dieser Stadtlandschaft betrachte, vermeine ich, bei aller offensichtlichen Desillusion, die mich umgibt, doch noch eine der Ideen zu erkennen, die hinter diesem Projekt stand: So wie die Straßenzüge der großen Haussmannschen Boulevards in jedem Pariser Arrondissement ihre Schneisen bilden, so zeigt sich auch in Beaugrenelle die Fortführung dieses Pariser Stadtbauthemas. Von meinem Tisch blicke ich auf die Reihen von Hochhausspitzen und ganz unauffällig fügt sich in eine dieser Fluchten auch das obere Drittel des Eiffelturms, gerade so, als sei im Patchwork-Stil ein alter Baustein in ein neues Paris eingearbeitet worden.
Wofür dieses neue Paris stehen sollte, lässt sich an einem historischen Vergleich veranschaulichen. Seit Jahrhunderten ist die Darstellung der Weltkugel ein beliebtes Mittel, um dem Anspruch auf eine globale Führungsposition architektonischen Ausdruck zu verleihen. Auf dem Königlichen Palast in Amsterdam beispielsweise - im 17. Jahrhundert noch das Rathaus dieser Stadt mit Empire-Ambitionen - wird der kupferne Globus auf den Armen einer Atlasfigur triumphierend in den Himmel gereckt. In ähnlicher Weise scheint mir auch hier in Beaugrenelle einer nach dem Zweiten Weltkrieg politisch wie wirtschaftlich wieder erstarkten französischen Position gedacht worden zu sein: Das Dach des Hauptturmes von Beaugrenelle ziert eine Betonkugel von gut vier Metern Durchmesser. Doch wirkt die thronende Masse der Kugel, platziert auf einer deutlich schrägen Ebene, in einem Ambiente des Niedergangs eher unheilschwanger und bedrohlich – eine unfreiwillige, moderne Version des Damoklesschwertes? Auch die nun mit der Renovierung Beaugrenelles beauftragte Agentur attestiert dem Gelände „une dimension anxiogène“ – ein beklemmendes Ambiente.
Dass das städtische Utopia, für das Beaugrenelle steht, ein Alleinstehendes blieb und sich nicht wie einst die Hausmannschen Rekonstruktionen Ende des 19. Jahrhunderts vervielfältigte und über die ganze Stadt ausbreitete, spiegelt die erschütterte Durchsetzungsfähigkeit und finanzielle Kraft der europäischen Moderne und ihrer Projekte wider. Ein ähnliches von Le Corbusier ersonnenes Projekt, das das Marais mit seinen mittelalterlichen Gassen in eine moderne Zukunftswelt verwandeln sollte, wurde nie realisiert. Beaugrenelle war die für eine urbane Elite konzipierte Hoffnung auf eine abgegrenzte, zivilisierte Stadt in der Stadt. Im visionären Zusammenspiel von Wohnraum, Freizeitmöglichkeiten, kommerzieller Versorgung und hoher Sicherheit sollte hier die Zukunft des metropolen Lebens verwirklicht werden.
Vor kurzem wurde mit den Renovierungsarbeiten und Neukonstruktionen für „Le Nouveau Beaugrenelle“ begonnen. Im Zentrum dieser Maßnahmen steht die Einkaufspassage, durch deren Revitalisierung Kapital und Menschen wieder zurückgeholt werden sollen. Auf der Webseite der Unternehmer (www.lenouveaubeaugrenelle.com), die den Bürgern und den Bewohnern das Projekt näher bringen soll, wird dieses wie folgt beschrieben: „Für uns bedeutet die Moderne die Rückkehr zu einer Lebensqualität und zu einer Ästhetik im Sinne dieser Architektur, die Denkmal des 20. Jahrhunderts geworden ist.“
Mit dieser „Rückkehr“ schließt sich auch der Herstellungs- und Verfallskreislauf der modernen Gesellschaft. Produktion oder Aufbau und Konsum bzw. Zerstörung und Verfall sind strukturelle und funktionelle Bestandteile des modernen Projektes, das fortwährend nach Neuem ausgreift, um seinem Gegensatz, der Stagnation, zu entkommen und das in der Notwendigkeit lebt, stets neue Investitions- und Rekreationsmöglichkeiten schaffen zu müssen. Somit ist Beaugrenelle nicht zuletzt in diesem Sinne ein Denkmal seiner eigenen Epoche sowie ein Schlüssel zum Verständnis ihrer sozialen und ökonomischen Phänomene.